Inklusion: Probleme beim individuellen Lernen

08.05.2019

Alle Schüler arbeiten vertieft an ihrer Aufgabe, aber Johann ruft schon nach wenigen Minuten begeistert: „Ich bin fertig! Was soll ich jetzt machen?“

Der Junge arbeitet nicht nur schnell, sondern auch ungenau. Selten hat er an alles gedacht: Meist fehlen Name und Datum auf seinen Arbeitsblättern. Die Aufgabenstellung liest er häufig ungenau. Seine Arbeit ist dadurch oft unvollständig. Flüchtigkeitsfehler unterlaufen ihm schnell. Mit diesem Reflexionsbogen lernt Johann, seine Arbeit selbst zu überprüfen, bevor er sie abgibt.

Eine mögliche Reaktion auf mehr Heterogenität im Klassenzimmer ist die Arbeit mit individuellen Lernplänen. Doch in den meisten Schulen wird diese Möglichkeit nicht umgesetzt. Lesen Sie hier, welche Stolpersteine Ihnen auf dem Weg zum individuellen Lernen begegnen können und wie Sie am besten mit diesen umgehen.

Seit der Einführung der Inklusion ist Heterogenität in den meisten Klassenzimmern noch größer geworden. Arbeiten alle Ihrer Schüler mit individuellen Lernplänen im eigenen Tempo, so können alle in ihrer Lernentwicklung voranschreiten – egal, auf welchem Lernniveau sie sich befinden.

Stolperstein 1: Misstrauen gegenüber dem Fremden

Innovationen stehen in Schulen häufig mehr in der Kritik als Gewohntes. Denn dies gilt als „Altbewährtes“, auch wenn es mit den veränderten Bedingungen, wie der höheren Heterogenität, nicht mithalten kann. In Schulen mahlen die Mühlen der Veränderung langsam. Wenn Sie eine neue Methode einsetzen möchten, stoßen Sie vermutlich bei Eltern und vielleicht auch Schulleitung und Kollegen auf Misstrauen.

Was Sie dagegen tun können:

Sorgen Sie für Transparenz: Öffnen Sie Ihr Klassenzimmer für Hospitationen. Laden Sie dazu ein, den Schülern beim Arbeiten zuzusehen. Lassen Sie Ihre Schüler am Ende einer Lerneinheit selbst formulieren, was sie Neues gelernt haben. So erkennen auch Kritiker, dass die Methode erfolgreich umgesetzt werden kann.

Stolperstein 2: Angst vorm Loslassen

Vielen Lehrern fällt der Gedanke schwer, nicht direkt die Kontrolle zu haben über das, was die Schüler gerade lernen. Aus dem Studium und Referendariat sind viele gewohnt, Rechenschaft darüber ablegen zu müssen, was jedes Kind zu welcher Minute exakt tut – um am Ende das formulierte Lernziel zu erreichen. Dabei liegt ein Irrtum vor, wenn wir meinen, für das Lernen der Kinder die Verantwortung zu tragen.

Was Sie dagegen tun können:

Trauen Sie Ihren Schülern zu, Verantwortung für das eigene Lernen zu übernehmen. Machen Sie sich bewusst, dass Kinder grundsätzlich lernen wollen. Auch die, denen es schwerfällt. Helfen Sie ihnen auf dem Weg, zunehmend eigenverantwortlich zu handeln mit  …

  • … geeignetem Material (passend zu Thema und Lernniveau).
  • … Halt gebender Struktur (Lernpläne).
  • … Anregung zur Metakognition (Reflexion über Lernweg und Lernergebnis).

Stolperstein 3: Wenig Vertrauen in den Erfolg der Methode

Viele Lehrer geraten mit dem herkömmlichen Unterricht seit der Einführung der Inklusion an ihre Grenzen. Trotzdem werden Sie vielleicht erleben, dass bei neuen Ansätzen die Risiken stärker betont werden als die Chancen.

Was Sie dagegen tun können:

Zeigen Sie auf, welche Probleme eine typische Unterrichtsstunde mit sich bringt. Nehmen Sie dabei die Perspektive von verschiedenen Schülern Ihrer Klasse ein. Verdeutlichen Sie Kritikern,

  • warum Anne das Lernziel auf diesem (z. B. stark schriftbetonten) Weg nicht erreicht,
  • warum Lennard den Unterricht stört, wenn er mit dieser Aufgabe überfordert ist, und
  • warum Max sich langweilt, weil er eigentlich schon viel mehr lernen könnte in dieser Stunde.

Stolperstein 4: Organisatorische und Rechtliche Hindernisse

An vielen Schulen stehen ein Stundenplan mit 45-Min.-Takt und die herkömmliche Prüfungsordnung der Umsetzung von individuellem Lernen im
Weg.

Was Sie dagegen tun können:

Als einzelne Lehrkraft werden Sie hier nur wenig Freiraum schaffen können:

  • Ergänzen Sie Klassenarbeiten durch individuelle Leistungsnachweise.
  • Lockern Sie die Stundentafel auf, wo möglich.


Diese Artikel könnten Sie auch interessieren:

Integration von Flüchtlingskindern im Schuljahr 2017/18 – setzen Sie auf die Unterstützung von Sozialarbeitern

4. Oktober 2017

Sozialarbeiter wurden bundesweit vor mehr als 40 Jahren erstmals direkt in Schulen tätig. Mit den hohen Anforderungen an die Integration von Flüchtlingskindern an den Schulen erleben sie aktuell einen regelrechten Boom: Mehr... Mit Hilfe von Sozialarbeitern Flüchtlingskinder integrieren

Reziprokes Lesen: Mit dieser Methode steigern Sie die Leseleistung Ihrer Schüler

24. Mai 2018

Julie kommt mit dem Lesen schlecht zurecht. In allen nicht verbalen Bereichen zeigt sie durchschnittliche Leistungen, während sie in den verbalen unterdurchschnittlich abschneidet. Julie gibt schnell auf, wenn sie die Aufgabe... So funktioniert das

Sicherer Schulweg – wann müssen Sie für Aufsicht an der Bushaltestelle sorgen?

26. April 2018

Für Eltern jüngerer Kinder, die die Grundschule besuchen, ist das Thema „Sicherheit des Schulwegs“ ein Dauerbrenner. Vor allem dann, wenn Schulbusse überfüllt sind oder wenn Kinder sich zu Fuß oder mit dem Fahrrad allein... Wann müssen Sie für eine Aufsicht an der Bushaltestelle sorgen?




Verlag PROSchule

Service: +49 (0) 228-95 50 130
E-Mail: info@schulleiter.de

© 2019, VNR Verlag für die Deutsche Wirtschaft